Im fernen Thrakien, umspült von den Gewässern des Schwarzen Meeres, der Ägäis und des Marmarameeres, erstrecken sich majestätisch die Rhodopen. Die Rhodopen werden manchmal auch als „bulgarischer Böhmerwald“ bezeichnet, vielleicht aufgrund ihrer entfernten Ähnlichkeit mit dieser Landschaft. Sie haben mich vom ersten Augenblick an in ihren Bann gezogen, weshalb ich mich entschlossen habe, dieser kleinen Reisebeschreibung von meinem Abenteuer auf den Spuren uralter erotischer Rituale Raum zu geben, die sich hier einst abgespielt haben sollen.

Die Thraker, wie ich aus Erzählungen der Einheimischen verstanden habe, waren so etwas wie unsere Kelten. Dieses sagenumwobene, geheimnisvolle Volk, das im Grenzgebiet zwischen Griechenland, Bulgarien und der Türkei lebte, scheint aus den Tiefen der Zeit aufzutauchen, denn niemand konnte mir genau sagen, wann es sich in diesem Gebiet niedergelassen hat. Es wird vermutet, dass es sich um Indoeuropäer handelte, die in der Bronzezeit in diese Region gelangten und sich im Laufe der Zeit mit den lokalen Bewohnern des Balkans assimilierten, was etwa um 2300 v. Chr. geschehen sein soll. Umso faszinierender wirkt jedoch das Alter der unten abgebildeten Höhle, das auf bis zu achttausend Jahre geschätzt wird.

Die Höhle Utroba, also die „Vagina“, besitzt tatsächlich die Form eines weiblichen Geschlechtsorgans. Sie soll für Initiationsrituale genutzt worden sein, bei denen die Sonne angerufen wurde – und vor allem die höchste Göttin, die Große Mutter. Sie ist auch unter anderen Namen bekannt: Gaia, Mutter Erde, Kybele, Durga. Dies liegt daran, dass sie den archetypischen weiblichen Prinzip verkörpert, das in vielen Kulturen weltweit verehrt wurde. Der Sinn des Rituals, das in der Utroba-Höhle stattfand, bestand darin, dass sich die beiden großen Elemente – Erde und Sonne – vereinten. Genau deshalb sieht man auf dem Bild einen Altar, der an den Eingang einer Gebärmutter erinnert. Etwa zwei Meter davor wurde eine Öffnung in die Decke der Höhle geschlagen, durch die zu einer bestimmten Tageszeit ein Sonnenstrahl fiel und die Göttin symbolisch befruchtete. So entstand neues Leben. Ob die Thraker dabei noch auf irgendeine Form sexueller Magie zurückgriffen, weiß ich nicht, doch in der Höhle selbst scheinen Stimmen in gewisser Weise zu resonieren. Stellt man sich einen Priester vor, der das Ritual anruft, könnte seine Stimme noch kilometerweit zu hören gewesen sein.

Zur Höhle Utroba führt ein beschwerlicher Pfad, der nur für wirklich Abgehärtete geeignet ist. Er wird als thrakischer „Pfad des Mutes“ bezeichnet. Doch es heißt, dass es einst anders war: Diesen Weg gingen junge Knaben, und seine Bewältigung war selbst ein Initiationsritus – der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben.

 

Utroba - vagina

Utroba - Gebärmutterhöhle