Es ist eine tiefe, klare Nacht. Die Landschaft ruht friedlich, aus dem Wald dringen nur die Stimmen der nachtaktiven Tiere. Plötzlich zerreißt das Knacken von Ästen unter fremden Schritten die Stille. Einige Rehe, die auf der nahegelegenen Wiese äsen, heben neugierig die Köpfe und werden aufmerksam. Ein erschrockener Vogel breitet die Flügel aus und fliegt unter lautem Ruf davon. Er spürt die Gefahr ebenso wie die anderen Tiere, denn der Wald wird in wenigen Augenblicken von fremden Eindringlingen erfüllt sein. Das Stampfen der Schritte wird lauter, begleitet von schwerem Atmen. Es gehören mehrere Gestalten dazu, in schwarze Kapuzen gehüllt. Der Weg ist zu beschwerlich, deshalb bewegen sie sich vorsichtig über den Grat des Felsens, direkt auf die Kirche zu, die auf dem Gipfel steht. Hin und wieder ist ein kindliches Weinen zu hören, doch es verstummt sofort wieder, als hätte jemand über dem Bündel, das eine der Gestalten im Arm hält, eine magische Formel gesprochen.

Im Inneren der Kirche herrscht eine heilige Atmosphäre. Man möchte meinen, die göttliche Gegenwart sei fast greifbar, doch die kleine Gruppe schert sich nicht im Geringsten darum. Eine Gestalt, die eine kostbare Last in den Armen hält, reicht diese an eine andere weiter und tritt dorthin zurück, wo der Mond ein wenig Licht eingelassen hat. Das Kind beginnt zu weinen, doch niemand hört ihm zu. Im bleichen Mondschein raschelt Stoff, und eine Kapuze fällt fast lautlos auf den Steinboden. Das Halbdunkel enthüllt den nackten Körper eines Mädchens. Begleitet von einem leisen Gebet unbekannten Ursprungs, das die Übrigen flüstern, legt sich das Mädchen wortlos auf einen Grabstein vor dem Presbyterium. Die Gruppe umringt sie und entzündet in präziser Abfolge die erste von mehreren schwarzen Kerzen. Einer der Teilnehmer legt sodann ein umgekehrtes Kreuz zwischen die Brüste der Frau und stellt einen kupfernen Kelch auf ihren Bauch. Nichts vermag die magische Atmosphäre des Ritus zu stören, nicht einmal das Schreien des opferreitenden Säuglings. Während einer ihn über den Leib der Frau hält, zieht ein anderer ein scharfes Messer. Dann verstummt das Schreien. Der Kelch beginnt sich mit Blut zu füllen…

Es ist das dreizehnte Jahrhundert, und vielleicht beginnt gerade eine weitere der schwarzen Messen am Maurentzenkirche.

Es ist das dreizehnte Jahrhundert, und vielleicht beginnt gerade eine weitere Schwarze Messe an der Mauentzenkirche – der Kirche des heiligen Mauritius bei Annín. Diese eindrucksvolle Landschaftsdominante des frühmittelalterlichen Gotteshauses entstand wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an einem Ort, der von alten heidnischen Legenden umgeben ist. Die Mauentzenkirche soll einst ein ritueller Platz der Riesen aus Sedlo und der Burg Obří hrad gewesen sein; der felsige Grat unterhalb des Gipfels galt als Ort negativer Erdkräfte, an dem ein Dämon verweilen sollte. Mit dem Anbruch des „magischen Jahres“ 1000 mehrten sich die Propheten, die das Ende der Welt, das endgültige Gericht und die Apokalypse vorhersagten. Ganz Europa wurde von Hunger und Pest heimgesucht. Vorräte und Vieh waren aufgezehrt, ausgehungerte Tiere gruben nach Aas oder fraßen einander. Die Altäre teilten sich in zwei Bereiche: für den Gott des Guten und den Gott des Bösen. In dieser Zeit entstanden die ersten satanischen Kulte und Riten mit heidnischen, christlichen oder antichristlichen Elementen, deren Ziel zunächst die Sicherung von Überfluss und Lebensgrundlagen war. Doch das eigentliche Wesen dieser Rituale wandelte sich bald – sie wurden zu Formen der Lästerung Gottes und der Anrufung Satans. Später mündeten sie in blutige Messen, nicht selten beendet durch die Opferung eines Kindes oder Säuglings, dessen Blut oder Asche persönlichen Nutzen bringen sollte. Diese Messen fanden zunächst unter freiem Himmel statt, bevorzugt auf Lichtungen unter hohen Bäumen. Der Ort, an dem die Kirche steht, war dafür wie geschaffen – auf der Waldhöhe gelegen und vom Dorf aus nicht sichtbar.

In grauer Vorzeit bewohnte das Gebirge des Böhmerwaldes ein Geschlecht von Riesen, die auf der Riesenburg (Obří hrad) nahe Popeln (Popelná) lebten. Als ihre Zahl zu groß wurde, zog ein Teil von ihnen fort zum Sedlo bei Albrechtitz (Albrechtice), um sich dort eine neue Heimstatt zu errichten. Ihren gemeinsamen Altar jedoch hatten sie bei St. Maurenzen (Mouřenec), wo sich angeblich bis heute riesenhafte menschliche Gebeine finden lassen. Wer St. Maurenzen kennt, weiß, dass sich der Ort bis in die neunziger Jahre in einem trostlosen Zustand befand. Die Gräber rund um die Kirche standen offen, und auf der nahen Wiese lagen menschliche Knochen verstreut. Erst im Jahre 1993 kam es zur Instandsetzung; die Gebeine wurden aufgesammelt und im örtlichen Beinhaus beigesetzt. Bei dieser Gelegenheit wurden im Inneren des angrenzenden Gotteshauses seltene Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert entdeckt und anschließend restauriert. Unter ihnen ragt vor allem die Szene mit dem Erzengel Michael als Seelenwäger und der Jungfrau Maria als Fürbitterin hervor. Der Engel hält die Waage mit der Seele, während die Jungfrau Maria heimlich die Waagschale auf der Seite der Seele niederdrückt, derweil auf der anderen Schale die Teufel überhastet versuchen, die Seele für die Hölle zu gewinnen. Eine wahrlich erschütternde Symbolik.

Die Legenden über die finsteren Mächte, die hier hausen, sind indes noch älteren Ursprungs. Manches ließe sich wohl durch die belegten Funde keltischer Präsenz an diesem Orte erklären, und zwar aus Zeiten, da hier noch keine Kirche stand. In Anbetracht dessen, was wir über die Kelten wissen – einige antike Schriftsteller beschreiben sie als hochgewachsene Menschen mit blauen Augen, hellem Haar und zarter Haut –, liegt die Deutung der Legende auf der Hand. Da die durchschnittliche Körpergröße eines Mannes im Mittelalter etwa 160 Zentimeter betrug, ist es durchaus möglich, dass die Gebeine der größeren Kelten den damaligen Menschen wie die Überreste wahrhaftiger Riesen erschienen.

Über das Leuchten der Gebeine im Beinhaus von St. Maurenzen ranken sich so manche Sagen. Vielleicht entspringt dies der erhitzten Fantasie eines Wagemutigen, der – sei es aus Eitelkeit oder nach etlichen Gläsern im Wirtshaus – den Entschluss fasste, den Hügel zu erklimmen. Schließlich ist der Pfad nach St. Maurenzen gewunden und unwegsam; wohl deshalb nannte man ihn ehedem den „Totenweg“.
Tato úvaha skvěle propojuje psychologický účinek krajiny s exaktní chemií. Fosforescence organických pozůstatků je jev, který po staletí živil lidovou představivost a dával vzniknout pověrám o "duších" či "bludičkách", přičemž věda pro něj má dnes již jasné pojmenování. Zde je překlad do literární němčiny: Naturwissenschaftliche Vernunft und das Wagnis des Erlebens Schon allein der Aufstieg raubt dem Menschen nicht nur die physische Kraft, sondern zehrt durch das dichte Geflecht der Zweige und die Unübersichtlichkeit des Pfades auch an seinem Wagemut. Gewiss mag der Besuch eines Friedhofs und eines Beinhauses die menschliche Psyche belasten. Fügt man dieser Erklärung jedoch die Information hinzu, dass menschliche Gebeine Phosphor enthalten, der unter bestimmten Bedingungen zu leuchten vermag, und berücksichtigt man die Umstände der Verwitterung sowie die chemische Beschaffenheit des Bodens, so ließe sich sagen, dass die Knochen von St. Maurenzen tatsächlich glimmen könnten. Der beste Weg, diese Legende zu bestätigen oder zu widerlegen, ist es, eine abenteuerliche Expedition nach St. Maurenzen höchstselbst zu unternehmen.