WAS DER TABAK-PETR SAH
Es ist das neunzehnte Jahrhundert. Im Böhmerwald liegt eine wunderschöne, milde Sommernacht. Der See schweigt in einer alles überragenden Stille, keine Welle kräuselt sich, kein Grashalm am Ufer bewegt sich.
Der Tabak-Petr, der legendäre Schmuggler der Vorkriegszeit, schreitet lautlos dahin. Er hat keine Angst, entdeckt zu werden. Er weiß, dass sich nachts nur wenige zum Plescher See wagen, doch er will die Stille der Nacht nicht stören.
Auf dem Rücken trägt er einen Rucksack mit seinem bevorzugten Tabak „Brasil“, für den er einen ordentlichen Preis erzielen wird. Dass er diesen später in der Kneipe verjubelt oder beim Kartenspiel verliert, kümmert ihn nicht. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag.
Gerade erlebt er eine glückliche Zeit. Er ist bis über beide Ohren verliebt und kann – wie so oft – an nichts anderes denken als an seine Geliebte. Frauen waren stets sein Verhängnis, doch es stört ihn nicht. Freiheit, Wald und Gedanken an die Liebe erfüllen ihn mit einem Gefühl vollkommener Glückseligkeit.
Vielleicht bemerkt er deshalb zunächst nicht, dass sich die Wasserfläche des Sees langsam öffnet. Erst als ein aus der Tiefe aufsteigendes Leuchten die Dunkelheit wie ein Speer durchschneidet, hält er inne, duckt sich hinter einen Strauch und beobachtet voller Staunen, wie Tausende von Lichtern aus den Tiefen des Wassers emporsteigen.
Er weiß, dass es sich um die Seelen der Toten handelt – Irrlichter, mit denen man besser nicht spielt. Sie können einen Menschen im Augenblick zerreißen oder bis auf die Knochen verbrennen. Er atmet kaum und rührt sich nicht, selbst dann nicht, als aus der Tiefe ein herzzerreißendes Klagen ertönt.
Gemeinsam mit diesem „Orchester“ erhebt sich eine Jungfrau aus dem Wasser – so überwältigend schön, dass Petr im selben Augenblick seine neue Liebe und alle Gedanken an eine mögliche Heirat vergisst.
Die Jungfrau lächelt. Nur in ein durchsichtiges Gewand gehüllt, wirkt sie wie eine Erscheinung. Sie öffnet die Arme und bewegt ihre Lippen in einem sinnlichen, unverständlichen Flüstern. Erst nach einer Weile begreift Petr, dass sie ihn zu sich ruft.
Fast folgt er ihrer Einladung, erhebt sich bereits, doch im letzten Moment erkennt er, dass es sein Ende wäre, würde er ihr folgen. Und so widersteht er der Verlockung
einer Schar schöner Jungfrauen bis in die frühen Morgenstunden, als das Phänomen schließlich verschwindet.
Erst dann macht er sich auf den Weg zurück in sein Heimatdorf und schwört sich, dass er das Gebiet rund um den Plescher See niemals wieder betreten wird. Und er hält sein Versprechen.
Der Tabak-Petr war vor allem als Lieferant feinen Schnupftabaks mit dem Namen „Brasil“ bekannt. Zu jener Zeit war dieser unter den Menschen sehr begehrt, was kaum verwundert: Das Tabakpatent von Maria Theresia aus dem Jahr 1765 erlaubte weder den legalen Besitz noch den freien Handel mit Tabak. So kam Petr mit der Bearbeitung seiner Aufträge kaum nach. Obwohl er für viele als legendärer Held erschien, war er eher von kleiner, gedrungener Gestalt. Sein Gesicht war scharf geschnitten und gebräunt, von einem weißen Vollbart umrahmt, mit durchdringenden braunen Augen, buschigen Augenbrauen und einer großen Narbe auf der Stirn – der vollkommene Prototyp eines Kriminellen. Doch trotz seines Äußeren soll er über große körperliche Stärke verfügt und im Grunde ein guter Mensch gewesen sein, der anderen kein Leid zufügte. Seine Schwäche bestand darin, dass er alles, was er verdiente, innerhalb eines einzigen Abends beim Kartenspiel verlieren konnte. Besonders verfallen war er dem Spiel „Einundzwanzig“, und noch mehr liebte er die Frauen. Nicht selten verlor er dabei sogar seine Schuhe, doch seine Schulden beglich er stets rasch wieder. Sein Gewerbe trug sich offenbar selbst.
„Brasil“ oder auch „Brisil“ wurde aus dem bayerischen Heilig-Blut geschmuggelt. Ein Stück kostete dreißig Heller und maß ungefähr acht Zentimeter. Seine Beliebtheit war im 19. Jahrhundert außerordentlich groß, und einige Händler stellten ihn sogar in häuslicher Produktion in speziell dafür umgebauten Gefäßen her. Dabei wurden verschiedene Zutaten für Schärfe und Geschmack beigemischt – Schweineschmalz, getrocknete Zwetschgen, Mehl, Pfeffer, Kalk, Holzasche, gelegentlich sogar ein wenig Baumrinde. Allgemein galt die Regel: Je länger der Tabak gelagert war, desto besser wurde er. Ob das Rauchen dieses Tabaks Einfluss darauf hatte, was Petr am See sah, ist eher unwahrscheinlich. Als Schmuggler konnte er es sich nicht leisten, durch Rauch auf sich aufmerksam zu machen, und noch weniger hätte er das Risiko des Alkoholkonsums eingegangen. Er musste wachsam und vorsichtig bleiben.
Vom Plescher See heißt es, dass in ihm die Seelen der Selbstmörder wohnen, die dort ihr Leben verloren haben. Gehört auch die geheimnisvolle Jungfrau zu ihnen?
Zu seiner Narbe kam Towok Petr – oder auch Pedr, wie er ebenfalls genannt wurde – im Jahr 1888 in Dlouhá Ves. Dort fanden ihn am frühen Morgen Einheimische mit einer durchschlagenen Schädelverletzung und ohne Bewusstsein.
Erst der herbeigerufene Arzt stellte fest, dass er noch lebte. Sechs Wochen später stand er bereits wieder auf den Beinen, und als bleibende Erinnerung an die Verletzung trug er eine Narbe auf der Stirn.
War die Verletzung, die er erlitten hatte, vielleicht schwerwiegenderer Natur? Eine, die Halluzinationen hervorrufen konnte?
Später emigrierte Petr nach Amerika, wo er sich durch eine Frau in zwielichtige Geschäfte verstrickte. Dort soll er einen Brief an die österreichischen Behörden geschrieben haben, in dem er die Namen mehrerer Schmuggler nannte und zugleich ihre Routen verriet
und auch die Verstecke. Damals kam es zu zahlreichen Verhaftungen und Verurteilungen von Verbrechern, hinter denen die Denunziation des Tabak-Petr stand.
Ihm wurde nicht bewusst, dass er in Amerika mit seinen illegalen Machenschaften nicht lange würde überleben können und schließlich in die böhmischen Länder zurückkehren musste. Als er dies tat, sah er sich nicht nur der Rache der Schmuggler gegenüber, sondern auch den Behörden, die ihn festnehmen wollten.
Er ließ sich in der Nähe von Rejštejn in einer kleinen Hütte an der Otava nieder, doch die Geschäfte liefen nicht mehr wie einst. Er starb im Jahr 1913 an Erschöpfung auf einer der dortigen Straßen.
Mit sich nahm er ins Grab auch das Geheimnis der Seenjungfrau.
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